Eröffnungsrede zur Ausstellung "Eesdron Art" von Hans-Peter Trampert, Galerie im Rathaus Wassenberg, 25. Mai - 27. Juli 2007

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde,

wer kennt es nicht, das schöne Gefühl eines Strandurlaubes. Ich meine dabei weniger das stundenlange "Grillen" in heißer Sonne, sondern vielmehr jenes Erlebnis von Wind und Weite, von Ebbe, Flut und endlosen Spaziergängen sowie dem Spiel des Wassers zwischen den nackten Füßen. Zugegeben, nicht alle Strände eignen sich für diese Form des lebbaren Glückes und nicht jeder Mensch erlebt diese Form tatsächlich als Glück. Das Paradies hat eben viele Facetten. Für Hans-Peter Trampert aber muss das Meer, die See, insbesondere die Nord- und Ostsee ein Stück Glück bedeuten, sonst würde er nicht seit rund 15 Jahren immer wieder Orte wie die Nordseeinsel Borkum aufsuchen. Schon Tramperts Vita berichtet uns von seiner Arbeit als Seemann bei der Bundesmarine in den Jahren 1970-74, damals noch auf den polaren Nordmeeren. "Am Meer", so erklärt er, "verlieren sich alle Probleme und ich stehe direkt im Einklang mit dem Universum. Die Trennlinie, genannt der Horizont, lässt meine Gedanken wie ein Treibholz im Ozean meiner Erfahrungen dahinschwimmen. Ich erlebe somit in meiner Seele ein Gefühl von Ebbe und Flut, sozusagen ein hier-sein und ein fort-gehen ohne einen Beweggrund. Das ist für mich schlechthin vollkommene künstlerische Freiheit und ich schöpfe dabei aus einem unbegrenzten Potenzial an kreativen bildhaften Ausdrucksmöglichkeiten." Trampert gibt dem Ganzen einen Namen, er entwickelt für sich um 1992 einen Kunstbegriff, der ihn begleitet, und den er auf all sein künstlerisches Schaffen anwendet. EESDRON ist sein Kunstbegriff, weil rückwärts gelesen EESDRON = NORDSEE ergibt. Denn seine Zeichnungen auf Sandbänken sind an der Nordsee entstanden und dort hat er für sich diese singuläre Form der Zeichnung entdeckt.

Tramperts Zeichnungen in Sand unterliegen den Gesetzen der Vergänglichkeit. Entweder werden sie durch das Gezeitenspiel von Ebbe und Flut ausgelöscht, oder, sie werden wie an der Ostsee durch Regen, Wind und menschliche Einwirkung in Form von Zertretungen übermalt. Gemeinsames Merkmal aber ist ihre Herstellungsweise mittels eines Stückes Treibholz. Hölzer, die mitunter im Atelier Künstlers an das Vergangene erinnern. Und auch darin sind sich die Zeichnungen von Nord- und Ostsee einig, sie können lediglich über die Erinnerung, etwa auch in Form der Fotografie, transportiert werden. So entstehen zahlreiche Fotoserien, die die Arbeiten dokumentieren, gelegentlich auch in Kombination mit dem agierenden Künstler. Denn, wie Trampert erzählt und wie man sich denken kann, werden seine Aktionen regelmäßig von neugierigen Menschen flankiert, woraus spontane Kommunikation resultiert. Auch das ist EESDRON, das Gespräch mit den Menschen, der Dialog über Sinn und Unsinn oder das intensive Erleben von Schöpfung und Vergänglichkeit.

Hans-Peter Tramperts Zeichnungen in Sand entstehen intuitiv. Einem ersten Strich folgt automatisch ein zweiter, weitere schließen sich an bis am Ende jene so irritierenden Gebilde entstanden sind, die unsere Augen täuschen. Raumkörper sind es, scheinbar plastische Konstruktionen, dabei durch sich widersprechende Komponenten extrem unlogisch. Da verwundert es nicht, wenn neugierige Betrachter Fragen stellen. Trampert betont dabei immer wieder, dass die Zeichnungen in Sand, wie auch seine "Skalpellschnittzeichnungen" und "Optischen Verwirrungen" bzw. "Digitalcollagen" nicht technisch konstruiert sind. Sie unterliegen keinem Plan, keiner Vorzeichnung oder dergleichen, was denkbar wäre, weil auch hier die anfängliche Ausbildung Tramperts zum Starkstromelektriker und späteren Hochspannungsmonteur ihre Spuren hinterlassen haben könnte. Hans-Peter Trampert greift bei den Zeichnungen in Sand lediglich auf ein Repertoire von Bildern im Kopf zurück, auf Erfahrungen, die dann wieder intuitiv in die Arbeiten einfließen. In der Ausstellung für das Rathaus in Wassenberg zeigt Trampert

 

nun eine kleine Auswahl seiner unzähligen Fotografien auf C-prints. Eine weitere Serie wird am Abend der Eröffnung über einen Beamer projiziert und von der Band Blue Solution aufgegriffen, die dann nicht weniger intuitiv in sphärischen Klängen darauf reagiert.

Das intuitive Arbeiten weitet Trampert seit jüngerer Zeit auch auf die Arbeit am Computer aus. Aus seinem reichhaltigen digitalen Fotoarchiv entwickelt er sog. "Optische Verwirrungen" bzw. "Digitalcollagen", indem er zwei einzelne Digitalfotodateien, dem Zufall gehorchend, kombiniert und anschließend digital bearbeitet. Folge davon sind irritierende Fotografien, die das Gehirn sowie die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf die Probe stellen. Da überlagern Waldlandschaften Meeresstrände und Gegenstände oder menschliche Wesen finden sich plötzlich in fremdartigen Räumen. Viele der irreführenden Fotos sind unter anderem mit Zeichnungen der EESDRON ART durchmischt. Trampert wählt dabei absichtlich nicht aus und überlässt die Verbindung dem Zufall. Insbesondere diese Arbeiten, in denen alles Bestand hat und Wertungen absichtlich nicht vorgenommen werden, spiegeln Hans-Peter Tramperts Einstellung zum Leben. Er weiß von den Schwierigkeiten der Bewertung oder auch negativen Beurteilung von außen, nicht zuletzt durch seine intensive sozialpädagogische Arbeit der letzten Jahre. Absichtlich wählt er für sich nicht den direkten Weg, sondern zieht es vor, von der Peripherie aus die Dinge zu erforschen. Dabei sucht er nicht, sondern er nutzt seinen eigenen Weg als Vehikel der Findung.

In dieser Hinsicht gleicht Trampert einem Abenteurer, dessen Potential seine Offenheit für das Fremde ist, wie auch seine unermüdliche Kreativität. So entstehen seit ca. 10 Jahren Tag für Tag in den frühen Morgenstunden jene kleine kolorierten Skalpellschnittzeichnungen in Mischtechniken, die ebenfalls hier zu sehen sind. Vergleichbar den Zeichnungen in Sand handelt es sich auch hier um Vexierbilder, die erst durch längeres Hinsehen ergründet werden können. Gezeichnete Linien befinden sich auf der Fläche und vermitteln zugleich den Eindruck von Räumlichkeit. Dadurch leben diese Arbeiten auf einer imaginären Grenze zwischen Figürlichkeit und Fläche, von wo aus sie kontinuierlich unsere Wahrnehmung animieren. Trampert verstärkt den Effekt der optischen Täuschung verschiedentlich, indem er Teilbereiche der Zeichnung mit dem Skalpell heraus trennt. Tatsächliche Räumlichkeit und deren Illusion reichen sich dann an diesen Stellen die Hände. Sofern Titel vorhanden sind, entstehen auch diese rein intuitiv wobei Trampert eine Vorliebe hat für groteske und im Zusammenhang zum Bild eher unverständliche Begriffe. Folge davon ist eine weitere Irritationen zur realen Dingwelt des Betrachters.

So hat also alles im Werk von Hans Peter Trampert seinen Platz, auch wenn seine Werke nicht konstruktiv sondern emotional entstanden sind. Verbindendes Merkmal aller Arbeiten ist ihre absichtliche Lossagung von dem, was gemeinhin als etabliert und erprobt akzeptiert wird. Trampert meidet jede Form der Wertung, Begriffe wie richtig oder falsch hört man eigentlich nie von ihm. Wichtig ist ihm vielmehr, das Fremde und Unbekannte wahrzunehmen und eine Akzeptanz dafür auch beim Betrachter zu ermöglichen. Selbst dann, wenn keines seiner Werke, keiner seiner seltsamen Räume im Sand oder auf dem Papier praktisch betrachtet nachgebaut werden könnte. Hier vertraut der Künstler auf seine eigene wie auch auf die Fantasie der Betrachter. Denn die Macht der Fantasie ist - Gott sei Dank - noch an keine Grenzen gebunden. Auch das ist EESDRON ART.

Dr. Christian Krausch